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RSSPrint

Predigt über Offenbarung 21,6

von Pfarrer Reinhard Menzel

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Uni-Gemeinde !

„Ich will trösten, … ich will stärken, … ich will sättigen, … ich will dem Durstigen geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst.“

Erwarte ich das von Gott? Vertraue ich wirklich darauf? So frage ich mich immer wieder, wenn ich die Jahreslosung höre, lese oder singe.

Brauche ich Trost? Suche ich Hilfe? Bin ich hungrig? Verdurste ich?

Nein, denke ich dann. So geht es mir nicht.

Meine Situation ist ganz anders als die der Christen, an die sich die Offenbarung des Johannes ursprünglich richtete.

Wer in Kleinasien vor knapp 2000 Jahren Christ war, der musste um sein Leben fürchten.

Ein größenwahnsinniger Kaiser im fernen Rom verlangte von allen Einwohnern seines riesigen Reiches, dass sie ihn als Gott verehrten. Von seinen Untergebenen ließ sich Domitian mit „Mein Herr und mein Gott“ anreden. Seine Befehle begannen: „Der Herr, unser Gott Domitian, befiehlt …“

Überall, besonders in den östlichen Provinzen des römischen Reiches waren Standbilder von ihm aufgestellt. Vor denen mussten die Menschen niederfallen und sie anbeten. Wer sich weigerte, der wurde wegen Majestätsbeleidigung angeklagt und galt als Staatsfeind.

Auf beides stand die Todesstrafe.

Eine aussichtslose, lebensbedrohliche Situation für die Christen. Viele mussten damals ihren Glauben mit dem Leben bezahlen.

Für uns in Deutschland ist so eine Situation völlig unvorstellbar. Christen in anderen Teilen der Welt erleben das auch heute noch, z.B. koptische Christen in Ägypten.

Habt Ihr das mitbekommen? Am 29. Dezember, also vor 4 Wochen, gab es bei einem Anschlag auf eine koptische Kirche in Helwan rund 25 Kilometer südlich von Kairo mehrere Tote. Diese Nachricht hat es immerhin ins Radio und ins Fernsehen geschafft. Doch wurde sie überhaupt wahrgenommen? Hat sie jemanden wirklich berührt? Der Anschlag geschah weit weg von uns. Wir waren nicht betroffen.

Ganz anders war es im vergangenen Jahr an einem unserer Studentengemeindeabende: Einer unserer nigerianischen Studenten davon erzählte, dass es auch in seinem Heimatort Konflikte zwischen Christen und Muslimen gibt. Da war plötzlich tiefe Betroffenheit in unserer Runde zu spüren. Wir merkten, wie uns seine Bemerkung sprachlos und hilflos machte.

Was konnten wir tun? Einer von uns war betroffen. Seine Familie, seine Freunde – jederzeit kann es sie treffen.

 

Ich habe entdeckt, dass persönliche Betroffenheit auch ein Schlüssel zum Verständnis der Jahreslosung ist.

Gott spricht:

Ich will dem Durstigen geben

von der Quelle des lebendigen Wassers

umsonst.

(Offenbarung 21, 6)

Ihre Botschaft kann sich erst so richtig entfalten, wenn wir selbst betroffen sind oder zumindest wenn wir versuchen, uns diesen Hintergrund klar zu machen: Menschen werden verfolgt, sind in Lebensgefahr, haben keine Hoffnung und sehen keinen Ausweg.

Ihnen schrieb Johannes, der visionäre Verfasser der Offenbarung, was er gehört und gesehen hat:

1 Danach sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der frühere Himmel und die frühere Erde waren vergangen; auch das Meer gab es nicht mehr.

2 Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herab kommen,

schön wie eine Braut, die sich für ihren Bräutigam geschmückt hat.

3 Und vom Thron her hörte ich eine mächtige Stimme rufen: »Seht, die Wohnung Gottes ist jetzt bei den Menschen! Gott wird in ihrer Mitte wohnen; sie werden sein Volk sein – ein Volk aus vielen Völkern, und er selbst, ihr Gott, wird ´immer` bei ihnen sein.

4 Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid und keine Schmerzen, und es werden keine Angstschreie mehr zu hören sein. Denn was früher war, ist vergangen.«

5 Daraufhin sagte der, der auf dem Thron saß: »Seht, ich mache alles neu.«Und er befahl mir: »Schreibe die Worte auf, ´die du eben gehört hast`! Denn sie sind wahr und zuverlässig.«

6 Dann sagte er zu mir: »Nun ist alles erfüllt. Ich bin das A und das O,der Ursprung und das Ziel ´aller Dinge`. Wer Durst hat, dem werde ich umsonst von dem Wasser zu trinken geben, das aus der Quelle des Lebens fließt. …«

Es sind beeindruckende Bilder, die dieser Text vor unseren inneren Augen entstehen lässt:

-       Eine Stadt des Friedens Jerusalem, heute einer der gefährlichsten Konfliktherde der Welt. Doch im Namen dieser Stadt – Jeruschalajim – hören wir das hebräische Wort Schalom – Frieden, Stadt des Friedens.

-       Ein Brautpaar – strahlende, glückliche junge Menschen, die voller Sehnsucht aufeinander gewartet haben und nun endlich zusammen sind.

-       Menschen aus aller Welt, friedlich vereint –  und Gott mitten unter ihnen, ein Gott zum Begreifen, ganz nah – weder verborgen noch rätselhaft.

Und wir hören weiter:

Es gibt keine Tränen mehr, keinen Tod, kein Leid, keine Schmerzen, auch keine Angstschreie mehr.Ist das nicht eine wunderbare, lebenswerte Welt? So müsste es sein! So ist es aber nicht.

Ist das, was Johannes gesehen und gehört hat, nur ein schöner Traum? Weiter nichts? Eine Vertröstung auf das Jenseits – irgendwann, wenn ich längst gestorben bin?

Ja, es sind Bilder von einer anderen Welt, Bilder, die versuchen, Gottes Traum von einer neuen Welt zu beschreiben.

Der Bibeltext lässt keinen Zweifel daran: in diesen Bildern wird kein noch so idealer Zustand

unserer Welt beschrieben, da ist von etwas ganz Neuem die Rede – von einem neuen Himmel und einer neuen Erde – jenseits meiner, jenseits unserer Möglichkeiten!

Wenn dieser Text nur eine billige Vertröstung wäre, dann gäbe es keine Hoffnung, dann hätte sich Johannes eines billigen Taschenspielertricks bedient, und alle, die aus diesen Worten Hoffnung schöpften, wären die Dummen.

Ich bin davon überzeugt: Dieser Text ist keine billige Vertröstung auf Gottes neue Welt, die es noch gar nicht gibt.

Ich halte daran fest, dass er eine Hoffnungsquelle für alle sein kann, deren Leben in Gefahr ist, die keine Hoffnung haben und keinen Ausweg mehr sehen.

Ich teile die Überzeugung des südafrikanischen Theologen und Apartheidgegners Allan Boesak, der zu diesem Text in seinem Buch „Schreibe dem Engel Südafrikas“ 1987 schrieb:

„Der Traum Gottes, der in den Visionen des … Johannes Gestalt gewinnt, muss nicht auf die »Ewigkeit« warten. Er wird Wirklichkeit, wo die kalte und unmenschliche Wirklichkeit auf die warme und menschliche Wirklichkeit Gottes trifft und von ihr überwunden wird.“[1]

Der Traum Gottes muss nicht auf die Ewigkeit warten. Ja, das können wir entdecken. Oft geschieht es unscheinbar oder verborgen. Menschen erleben, wie die kalte und unmenschliche Wirklichkeit unserer Welt von der warmen und menschlichen Wirklichkeit Gottes überwunden wird.

In Kenia, der Heimat von Martin, leiden viele Menschen nicht unter der kalten, aber unter der heißen und unmenschlichen Wirklichkeit von Trockenheit und Dürre.

In weiten Teilen Ostafrikas hat sich die Regenzeit aufgrund des Klimawandels merklich verkürzt. In den langen Trockenzeiten trocknen Flüsse, Bäche und Seen aus, Wasser ist knapp und reicht nicht aus, um die Ernte vor dem Vertrocknen und das Vieh vor dem Verdursten zu bewahren.

„Früher hatte ich immer Angst, zu wenig Wasser für meine Familie zu haben“, sagt Agnes Irima, eine 44-jährige Bäuerin. Heute hat ihr Dorf eine Wasserstelle mit einem Tank für Regenwasser. Schon wenige Tage Regen genügen, um den Tank zu füllen und so das Dorf mit Wasser zu versorgen – auch in der Trockenzeit.

Möglich geworden ist das durch ein Brunnenbau-Projekt des Entwicklungsdiensts der Anglikanischen Kirche in Kenia, das auch mit Spenden der Hilfsorganisation „Brot für die Welt“ finanziert wird.

Mit der Kollekte, die wir heute beim Lied nach dem Glaubensbekenntnis einsammeln,können wir dieses und andere Hoffnungsprojekte unterstützen.

„Wasser für alle“, die aktuelle Spendenkampagne von Brot für die Welt trägt dazu bei, dass Gottes Wirklichkeit die Wirklichkeit unserer Welt überwinden kann.

 

Der Traum Gottes muss nicht auf die Ewigkeit warten. Ich denke da auch an die vielen Menschen in Cottbus, die sich um Flüchtlinge kümmern, ihnen helfen Deutsch zu lernen, sie bei Behördengängen begleiten, ihnen praktische Tipps für den Alltag geben, mit ihnen hoffen, dass Asylverfahren einen positiven Ausgang nehmen.

Der Traum Gottes muss nicht auf die Ewigkeit warten, wenn Menschen auf ihre berufliche Karriere oder auf eine eigene Familie verzichten, um Angehörige oder Freunde zu pflegen und ihnen trotz Krankheit oder Behinderung ein Leben in Gemeinschaft und Würde zu ermöglichen.

Ich sehe in diesen und ähnlichen Erfahrungen Beispiele dafür, wie die warme und menschliche Wirklichkeit des Traumes Gottes auf die kalte und unmenschliche Wirklichkeit dieser Welt trifft und sie überwindet.

Ich staune, wie die Offenbarung des Johannes eingefügt in den biblischen Kanon zum christlichen Traditionsgut geworden ist und nun selbst durch die Zeit wandert. Wie viele Menschen mag die Vision vom Wasser des Lebens für die Durstigen gestärkt und getröstet haben, durch die Jahrhunderte hindurch, an allen Ecken und Enden der Erde? Zuerst die vom Tode bedrohten Christen in Kleinasien, später andere Menschen, die geschunden und gequält wurden.

Die Perspektive eines neuen, heilen Lebens in Gottes Nähe: Sie gilt ja zuallererst denen, die auf der Erde zu kurz kommen.

 

Ich habe diese Vision auch schon einige Male als Bibeltext für Trauerfeiern ausgewählt. Ich habe sie vorgelesen und die innere Kraft ihrer Bilder gespürt. Ihre Bilder wischen den Verlust nicht weg und übergehen die Trauer nicht. Sie weiten aber die Perspektive und wecken die Hoffnung: Einmal wird der Tod nicht mehr sein. Gott wischt den Menschen die Tränen ab und stillt ihren Durst mit Leben.

Mein Atem wird ruhiger, wenn ich solche Bilder vor mir sehe. Ich vertraue mich einem Größeren an. Meine Ängste lege ich in seine Hoffnungsvision. Meine Sehnsucht gebe ich in seine Hände.

Ich berge mein Leben in sein Versprechen: Siehe, ich mache alles neu! Und ich rechne gegen alle Zweifel und Kritik damit, dass die warme und menschliche Wirklichkeit dieses wunderbaren Traumes Gottes die Wirklichkeit unserer Welt auch für mich überwindet.

 

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 


[1] Zitat aus: Allan Boesak, Schreibe dem Engel Südafrikas. Trost und Protest in der Apokalypse des Johannes, Kreuz Verlag, Stuttgart 1988, 1. Auflage, S. 145

Letzte Änderung am: 02.02.2018